Dass in Helfta jetzt ein Lebendiges Labyrinth gibt, ist für unser Kloster St. Marien eine große Bereicherung. Denn im 13. Jahrhundert, als die Mystikerinnen Mechthild von Magdeburg, Mechthild von Hackeborn und Gertrud von Helfta hier gelebt haben, stand die Labyrinth-Kunst in ihrer Blütezeit. Unser Labyrinth knüpft an diese geistliche Tradition der Gotik an und eröffnet ihr neues Leben.
Deswegen freuen wir uns sehr darüber, dass auf Initiative und mit tatkräftiger Unterstützung der Katholischen Frauengemeinschaft (kfd) hier in Helfta ein Labyrinth gebaut wurde. So wie ich dem Labyrinth wünsche, dass es blüht und gedeiht, ebenso wünsche ich das auch dem Kloster.
von Magdalena Bogner
aus der Perspektive der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands
"Frauen auf dem Weg", der Titel eines Liedes, das seit vielen Jahren von kfd-Frauen bundesweit immer wieder gesungen wird. Es bringt zum Ausdruck, was die kfd prägt. Dort heißt es, Frauen teilen miteinander Last und Trauer, Weite und Mut, Kraft und Glauben, weil sie aus der Hoffnung auf den Gott leben, der mit ihnen auf dem Weg des Lebens ist.
Möge dieses Lebendige Labyrinth für viele kfd-Frauen erfahrbar machen, dass alles Handeln – gesellschaftliches und kirchliches Engagement – seine Wurzeln in der Mitte des Lebens, in Gott hat und dass es seine Kraft aus dieser Mitte bezieht. Für diejenigen, die sich mit dem Gang durchs Labyrinth dem Weg von außen nach innen anvertrauen, die in die Mitte eintauchen und die sich wieder neu dem Außen zuwenden, vermag dieser Gang heilende Kräfte zu entwickeln. Möge dieses Lebendige Labyrinth darüber hinaus ein Zeichen dafür sein, dass die kfd ein Ort für Frauen ist, wo Glauben und Handeln, Innen und Außen, Gottverbundenheit und Weltverantwortung untrennbar zusammengehören.
von Birgit Cauer aus der Perspektive der Künstlerin
Mit der Fertigstellung des Lebendigen Labyrinths am 16. Juni 2007 ist für mich eine Vision von einem skulptural empfundenen Raumkonzept – von der Idee bis zur Vollendung – wahr geworden: Ich habe den, mir zur Verfügung stehenden, Raum im Klostergarten in einen atmosphärischen Ort der Begegnung verwandelt. Das empfinde ich nicht nur für das Kloster Helfta und die kfd als bedeutsames Ereignis, sondern es ist auch ein wichtiger Meilenstein innerhalb meines künstlerischen Schaffens.
Kunstprojekte dieses Ausmaßes gelingen nur, wenn andere mit an die Vision glauben und tatkräftig mit daran arbeiten. An dieser Stelle bedanke ich mich ganz herzlich bei Dr. Hildegund Keul, Barbara Striegel, Magdalena Bogner –ohne sie hätte diese Vision nie realisiert werden können.
Das ganze Labyrinth selbst
ist eine große, duftende, farbige und sich verändernde Plastik.
Das Zentrale Wesen des Labyrinthes sind jedoch die „Leibräume“ - jene floral-skulpturalen Figuren, die aus Weidenstecklingen geflochten wurden, in denen sich wuchernde Natur und Künstlichkeit vereinen. Hier ergibt sich für den Besucher die einzigartige Möglichkeit der Begegnung mit dem „Anderssein“ der Natur und gleichzeitig mit dem eigenen Leib, mit sich selbst.
Das Labyrinth mit seinen „Leibräumen“ und der Bepflanzung betrachte ich nicht als eine Fortsetzung der Tradition herrschaftlicher Gärten, die ein Denkmal für die vollkommene Beherrschung der Natur darstellen. Vielmehr sehe ich in meiner Arbeit einen Spielraum zwischen dem Naturschönen und dem Schönen der Künste, das auch das Hässliche und Destruktive ins Spiel bringen kann. So wechseln hier Leben und Vergehen, wird Gegenwart im Hinblick auf Vergangenes belebt und weist in eine unbekannte Zukunft hinaus...
Mein Wunsch für dieses lebendige Kunstwerk ist, dass die Besucher dessen spirituelle Dimension spüren und erfahren, dass es eine wachsende Brücke zwischen Kunst und Religion wird. Das Labyrinth soll zu einem Ort der Begegnung zwischen weltlichem und christlichem Glauben werden: Menschen aus dem Bereich der Kunst können mit dem christlichen Glauben in Berührung kommen und Gläubige einen Zugang zur zeitgenössischen Kunst finden.
von PD Dr. Hildegund Keul aus der Perspektive der Mystik in Helfta
Das Lebendige Labyrinth der kfd in Helfta hat viele Besonderheiten. Eine besteht darin, dass es zu jenem Kloster gehört, in dem die Mystikerinnen Mechthild von Magdeburg, Gertrud von Helfta und Mechthild von Hackeborn lebten. Damit ist dem Labyrinth ein inspirierendes Thema gesetzt: die Mystik der Frauen, die hier im 13. Jh. lebten. Mit der Mystik lädt das Labyrinth dazu ein, sich dem Geheimnis des Lebens auf die Spur zu machen.
Schon sehr früh, nämlich 1999, als ich auf die Idee eines Labyrinthbaus in Helfta kam, war diese Idee mit der Frauenmystik verbunden. Ich stellte mir einen Ort vor, wo Menschen die Gedanken der Mystikerinnen mit auf dem Weg nehmen; wo sie mit der Mystik unterwegs sind auf den verschlungenen Pfaden, den weiten Bögen und engen Windungen, die im Labyrinth das Leben selbst symbolisieren. An einem solchen Ort hört man nicht nur einen Vortrag über die Mystik oder diskutiert über sie, sondern das, was die Mystik sagt, bringt in Bewegung – hier in ganz wörtlichem Sinn! und hat Zeit, durch den Körper zu gehen und Leib und Sinne zu berühren.
Wenn man einen Wunsch hat, ist es gut, etwas dafür zu tun, dass dieser Wunsch in Erfüllung gehen kann. Darum habe ich heute einen Spruch der Mystik mitgebracht, zusammen mit dem Logo des Labyrinthes auf kleine Spruchkarten gedruckt. Ich lade Sie dazu ein, diesen Spruch mit auf Ihren Weg durchs Labyrinth zu nehmen. Selbstverständlich können Sie sich die Karte später auch ins Gebetbuch oder den Terminkalender legen. Er stammt von Gertrud von Helfta und ist eine spezielle Bitte um Frieden: „O Friede, sage mir doch noch ein einziges kleines Wort.“
Die Mystik ist eine der stärksten Friedenstraditionen des christlichen Abendlandes. Dies ist ein unschätzbarer Schatz, den es heute neu zu heben gilt.
Für das Labyrinth wünsche ich, dass es ein Ort wird, der im Zeichen der Mystik steht – ein Ort, wo Menschen mit dem Geheimnis ihres Lebens in Berührung kommen und so fähig werden, Schritte des Friedens zu gehen.
von Dr. Annette Schleinzer
aus der Perspektive der Menschen, die das Labyrinth besuchen kommen
Mein Wunsch ist es, dass die Menschen, die hier vorbeikommen, in diesem Labyrinth ein Bild ihres Lebens finden, zu dem sie tastend und ahnend unterwegs sind. Dass die Mitte des Labyrinths sie in ihre eigene Mitte führe; an einen Ort, an dem sie mit dem Geheimnis Gottes in Berührung kommen, an dem sie – vielleicht zum ersten Mal – Geschmack an Gott finden und dazu verlockt werden, dieser Spur weiter zu folgen.
von Barbara Striegel
aus der Perspektive der Ora-et-Labora-Tage im Labyrinth
Ora et Labora – bete und arbeite, in diese kurzen Worte hat der Hl. Benedikt von Nurcia im 5. Jahrhundert eine wichtige Regel klösterlichen Lebens formuliert. Sie prägt das Leben vieler Ordensgemeinschaften damals wie heute. Die drei Mystikerinnen von Helfta lebten nach dieser Regel genau so wie die Cistercienserinnen, die jetzt wieder hier vor Ort sind.
In der heutigen Zeit laden viele Klöster zu Ora-et-Labora-Tagen ein. Menschen sollen die Möglichkeit haben, den wechselnden Rhythmus von Beten und Arbeiten kennen zu lernen und seine heilsame Wirkung auf ihr Leben zu spüren.
Auch wir Frauen der kfd sahen mit dem Angebot solcher Tage eine wunderbare Möglichkeit, diese beiden Pole menschlichen Lebens sehr konkret werden zu lassen: Begegnung von Frauen aus Ost und West zu schaffen, sich von den Texten der Mystikerinnen berühren zu lassen, ihre Glaubenserfahrungen von damals für Frauen von heute spirituell erlebbar zu machen und mit dem Labyrinth einen Ort der Arbeit und des Gebetes zu haben.
So wurden von Anfang an Bau und Pflege des Lebendigen Labyrinths mit Ora-et-Labora-Tagen verbunden. Sieben Mal haben sie bereits stattgefunden. Theologinnen aus allen Teilen Deutschlands übernahmen die spirituelle Begleitung. Insgesamt mehr als 150 Teilnehmerinnen haben mit großer Hingabe gepflanzt und die Beete gepflegt. Einige Frauen haben nicht nur einmal an diesen Tagen teilgenommen. Oft wurde diese Zeit als ein Stück Weg im eigenen Lebenslabyrinth wahrgenommen, und manchmal ist eine selbst gesetzte Rose auch „ihre Rose“ geworden, nach der sie von Zeit zu Zeit schauen wollen.
Ich vermag es selbst nicht so treffend auszudrückenden. Deshalb zitiere ich jetzt eine Teilnehmerin, die ihre Eindrücke aufgeschrieben hat:
„Wir gingen ein letztes Mal den Weg des Labyrinthes und als wir diesmal den Leibraum im Zentrum erreicht hatten, spürte ich, ich war angekommen in der Mitte, in meiner Mitte. Ich hatte die Verbindung zu dem DU, das wir Gott nennen.
Die Worte der frommen Frauen von einst hatten auch in mir zu klingen begonnen:“ Du bist wie der Strom unschätzbarer Freuden, du bist wie ein blühender Frühling, wie eine zauberhaft lockende, beseligende Melodie.“ (Gertrud von Helfta)
Wir gingen den Weg zurück, sahen das keimende Grün, einige Knospen, die Beete bereit, in wenigen Wochen üppig zu blühen.
Wir nahmen Abschied von den Frauen, mit denen wir in diesen Tagen durch gemeinsames Beten, Meditieren und Arbeiten verbunden waren, mit denen wir ein kurzes, aber nicht unwesentliches Stück unseres Lebensweges gegangen waren.
Wir gingen zurück, verließen Helfta und nahmen das DU mit, um es in unser Leben zu integrieren.
Es sind große Schätze, die wir mit dem Lebendigen Labyrinth anderen Menschen öffnen können.
Deshalb wünsche ich diesem Ort, dass viele Menschen, und hier besonders Frauen, mit dieser oder einer ähnlichen Glaubenserfahrung nach Hause gehen dürfen, und dass wir als Frauenverband uns dieses Schatzes bewusst bleiben und auch zukünftig Ora-et-Labora-Tage anbieten und ermöglichen können.
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